Ausflugstipp in den Pfingstferien: Marbach

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Bäume, Koppeln, lichte Ställe – Das Haupt- und Landgestüt Marbach feiert sein 500-jähriges Bestehen

Marbach an der Lauter an einem Tag im Frühjahr 2014. Ein makellos blauer Himmel spannt sich über grünen Koppelwiesen aus und die Sonne schickt ihr Licht durch die schräggestellten Fenster des Fohlenstalls und malt leuchtend goldgelbe Vierecke in die Stroheinstreu. Eingerahmt von der halbrunden Türöffnung an der entgegengesetzten Schmalseite des Stalles ein lichtes Stillleben aus hügeligen Koppeln und noch blattlosen Wäldern, in dessen Vordergrund drei friedlich grasende Schimmelstuten als kontrastierende Farbtupfer zu sehen sind. Es riecht nach Frühling und ein vielversprechender glasiger Dunst liegt über der Szenerie. Und obwohl es nur einer von einer ganzen Reihe solch lichter Märztage ist, ist es für ein junges Araberstutfohlen, das noch keinen Namen hat, doch ein ganz besonderer Tag, denn heute hat es zum allerersten Mal ins Freie dürfen. Zwar noch nicht auf die große Koppel zu den anderen Mutterstuten, sondern erst mal auf ein kleines, eingegrenztes Areal, aber keine Stallwände begrenzen mehr seine Sicht. Die Kleine ist aufgeregt, man sieht es ihr an. Ihren Kopf hält sie ganz angestrengt aufrecht, die Ohren drehen sich nach allen Richtungen und die Nüstern sind aufgebläht. Gespannt wie ein Flitzebogen wirkt der schmächtige Körper, und das Fohlen erweckt den Eindruck, als wolle es jeden Moment davonpreschen. Das Fell der kleinen Araberstute ist braun und ihre Nase mit dem charakteristischen konkaven Knick ziert eine weiße Blesse. Eine Woche ist sie alt, und wie sie so dasteht neben ihrer Mutter Memduha, erweckt sie den Eindruck, als stehe sie auf Stelzen, so viel Bein präsentiert sich da mit so wenig Pferd oben drauf. Diese Kleine ist das zweite Marbacher Araberfohlen in diesem Jahr. Dass sie als Nachzucht eines landeseigenen Gestüts etwas Besonderes ist, scheint sie nicht zu wissen, und es würde sie auch nicht interessieren, wollte man es ihr erzählen. Sie interessiert sich für die grünen Gräser, die ihrer Mutter zu schmecken scheinen, und die Gerüche, die in der Luft liegen. Von Jasir ox und Hadban Enzahi ox hat sie noch nie etwas gehört. Und doch stünde sie nicht hier auf der Alb, wären diese Hengste nicht vor ihr einmal hier gewesen.

Doch beginnt die Geschichte des Haupt- und Landgestüts Marbach, das heuer sein 500-jähriges Bestehen mit einem umfangreichen Festprogramm begeht, ja auch nicht erst mit Jasir oder Hadban, sondern etliche Jahrhunderte vorher schon, als im Jahr 1496 Herzog Eberhard II., Sohn des Grafen Eberhard im Bart, das Lehen Marbach, das sechzehn Jahre zuvor von seinem Vater an das Kloster Offenhausen verschenkt worden war, zurückkaufte. Das genaue Gründungsdatum eines Gestüts in Marbach ist bis heute unbekannt, lange war man davon ausgegangen, es habe als Erweiterung eines bereits im Oberfeld in der Nähe von Marbach bestehenden Gestüts seinen Anfang genommen, diese Theorie erwies sich jedoch nach neuesten Erkenntnissen als unhaltbar. Vielmehr findet sich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart in Zusammenhang mit einer Strafverfolgung eine erste Erwähnung eines in Marbach bestehenden Gestüts, die darauf hinweist, dass es dieses 1514 schon gegeben haben muss. Ein Gomadinger Untertan namens Sixt Schmid nämlich, der bezichtigt wird, an den Aufständen des Armen Konrad im Sommer 1514 beteiligt gewesen zu sein, führt bei seiner Vernehmung als Alibi ins Feld, zu besagter „Tat“-zeit gen „Marppach an der Luter zu s(meines) gnädigen Herrn Gestüt gegangen“ zu sein, anstatt sich an den Aufständen beteiligt zu haben. 59 Jahre später aber, so viel ist sicher, erhält Marbach die Funktion eines Hof- und Landgestüts, und dabei wird es 244 Jahre lang bleiben, ehe 1817 das Hofgestüt von König Wilhelm I. nach Weil bei Esslingen verlegt wird. In all diesen Jahrhunderten wird viel mit unterschiedlichsten Pferderassen gekreuzt und experimentiert, doch immer liegt das Hauptaugenmerk darauf, vorrangig die von seiten der Landwirtschaft und des Militärs geäußerten Bedürfnisse nach robusten Arbeitspferden zu befriedigen. An Reitsport als Freizeitvergnügen denkt in jenen Zeiten noch niemand. Und so entsteht nach vielerlei Zuchtversuchen mit Holsteinern, Hannoveranern, Normannen und Ostpreußen im Laufe der Jahrhunderte mit dem Altwürttemberger ein „starkknochiges, tiefes, trockenes, leichtfutteriges und ausdauerndes Modell mit guten Hufen“, das aufgrund seines anständigen Charakters und Arbeitswillens im Volksmund den Titel „Herr und Bauer“ verliehen bekommt. Zwei Vertreter dieser Rasse zeigt das Gestüt mit Ehrmann und Sorano noch heute. Möglich, dass man in Marbach in den Fünfzigerjahren dachte, man wäre mit der Pferdezucht nun am Ziel seiner Wünsche angelangt, doch es sollte anders kommen, denn die Technik hielt Einzug in die Landwirtschaft und motorisierte Geräte und Traktoren verdrängten das Arbeitstier Pferd vom Markt. Und so hätte diese Entwicklung damals beinahe das Ende der Marbacher Pferdezucht eingeläutet, wäre man nicht mitgegangen mit einer Bewegung, die vom Norden Deutschlands ihren Ausgang nahm und nach und nach auch den Süden erfasste: Gemeint ist die Umstellung der Pferdezucht vom Arbeitspferd aufs Reitpferd. Zwei Optionen standen damals zur Debatte: Entweder man gab die eigene altwürttembergische Pferderasse auf, übernahm norddeutsche Reitpferderassen und baute mit ihnen eine gänzlich neue Zucht auf, oder man versuchte durch Einkreuzung von Reitpferderassen die eigenen bereits bestehenden Pferderassen umzuzüchten. Am Ende entschied man sich in Marbach für die letztere Möglichkeit. Es war ein Vorhaben, das zunächst mangels eines passenden Beschälers fast zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, wäre den Marbacher Gestütsleuten nicht mit dem Ostpreußenhengst Julmond buchstäblich das Glück in die Hände gelaufen. Julmond war 1945 mit dem großen Treck in den Westen gelangt, hatte auf seiner Flucht vor der Roten Armee das zugefrorene Frische Haff überquert und kam nach längeren Zwischenaufenthalten in Warendorf und Breithülen 22-jährig nach Marbach. In den fünf Jahren seiner Hauptbeschälertätigkeit zeugte er 140 Fohlen, ehe er 1965 einem Herzinfarkt erlag. Er stellte so buchstäblich die Württemberger Pferdezucht auf eigene Beine.

Heute, 500 Jahre nachdem in Marbach die ersten Pferde in die Ställe einzogen, ist das deutsche Reitpferd vom Typ Württemberger, wie es in Marbach seit den Sechzigerjahren gezüchtet wird, weit über die Landesgrenzen hinaus begehrt und beliebt. Neben diesem werden in Marbach Schwarzwälder Kaltblüter, und Arabische Vollblüter gezüchtet. Rund 500 Pferde beherbergen die drei zusammengehörigen Gestüte Marbach, Offenhausen und St. Johann mit ihren Vorwerken Fohlenhof, Schafhaus, Hau und Güterstein. Das Gestüt selbst präsentiert sich als moderner Pferdezuchtbetrieb mit vielfältigsten Aufgaben. Dazu gehören, um nur die wichtigsten zu nennen, die Haltung einer eigenen Stammstutenherde, die Nachzucht von Deckhengsten und deren Bereitstellung für die Pferdezüchter Baden-Württembergs auf den verschiedenen Beschälstationen des Landes, die Ausrichtung von Leistungsprüfungen bei Pferden und Schafen, der Betrieb einer Landesreit- und -fahrschule sowie seine Funktion als Ausbildungsbetrieb für Pferdewirte. Das Futter für die Tiere erzeugt der Betrieb auf den gestütseigenen 900 Hektar landwirtschaftlicher Fläche nahezu komplett selbst. Ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld ist der Tourismus, zieht das Gestüt doch jährlich mehr als 500 000 Besucher an.

Überdies hat sich Marbach seit 2006 zu einem „Kompetenzzentrum Pferd Baden-Württemberg“ fortentwickelt, mit dem Ziel, den Pferdezüchtern und -haltern im Land in allen das Thema Pferd betreffenden Fragen als Info- und Beratungsportal zu dienen und darüber hinaus eine gebündelte Darstellung der entsprechenden Fortbildungsmöglichkeiten für Pferdefreunde anzubieten. Seit 2007 unterliegt die Gestütsleitung Landoberstallmeisterin Frau Dr. Astrid von Velsen-Zerweck, im August desselben Jahres begab sich ihr Vorgänger im Amt, Dr. Helmut Gebhardt, in den Ruhestand.

Was aber haben die vollblütigen Vorfahren unseres kleinen Araberfohlens nun mit dieser ganzen fünfhundertjährigen Geschichte zu tun und wie kamen sie seinerzeit dazu, auf der Schwäbischen Alb zu grasen, anstatt mit wehenden Mähnen in den Sandwüsten Saudi Arabiens dahinzupreschen? Nun, Jasir ox und seine Nachfahren treten in die Marbacher Geschichte erst im Jahr 1932 ein. Ihre eigene Geschichte nimmt ihren Anfang zu Beginn des 19. Jahrhunderts im königlichen Privatgestüt Weil bei Esslingen, und es ist einer Leidenschaft König Wilhelms I. von Württemberg zu verdanken, dass in Marbach heute Araber gezüchtet werden. Er, dem ein besonderes Geschick in Sachen Pferdezucht nachgesagt wird, führte 1816 erste Araberhengste nach Württemberg ein und brachte die Araberzucht seines königlichen Privatgestüts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit großer züchterischer Weitsicht zur Blüte. Bis 1932 blieb diese im Privatbesitz des Württembergischen Königshauses, ehe die letzte Königstochter Fürstin Pauline 17 ihrer Araber an Marbach übergab. Als 1948 Deckhengst Jasir vorzeitig abgezogen wurde, sah es eine Zeitlang schlecht aus für den Fortbestand der Marbacher Araberzucht, doch 1955 wurde mit Hadban Enzahi im ägyptischen Gestüt El Zahraa ein ebenbürtiger Nachfolger gefunden. Mit Schiff und Bahn von Ägypten über Italien und Österreich, zuletzt in einem Waggon des Orient-Express her reisend, kommt der legendäre Hengst schließlich nach neuntägigem Unterwegssein bei eisigen Temperaturen in Marbach an. 20 Jahre Tätigkeit als Hauptbeschäler im Gestüt sind ihm beschieden. Seine Nachfahren finden sich heute in vier Kontinenten.

Es sind ihre Schönheit, Ausdauer, Härte, Genügsamkeit und v. a. ihre Intelligenz und ihr freundliches Temperament, was die Freizeit- und Distanzreiter an den edlen Pferden mit dem trockenen Kopf und den großen, sprechenden Augen schätzen, die wie unsere noch namenlose Kleine den typischen „Araberknick“ auf der Nase aufweisen.

Eine hohe Erwartung an ein gerade mal eine Woche altes Fohlen wäre es schon, wollte man all diese Eigenschaften jetzt schon in es hineinlegen, aber eine große Wachheit und Aufmerksamkeit lässt sich ihm jetzt schon attestieren. Die Turmuhr im Glockenturm auf dem Engländerstall hat viertel vor zwölf geschlagen, ein Wiehern und Hufgeklapper ist zu hören gewesen vom großen Eingangstor her, was bedeuten könnte, dass ein paar Hengste vom morgendlichen Ausritt zurückkehren, und da steht sie nun neben ihrer Mutter und ihre Ohren spielen und versuchen zu erkunden, was all das zu bedeuten hat. Noch weiß sie nicht, dass zweieinhalb Jahre unbeschwerter Kindheit auf den grünen Marbacher Weiden jetzt vor ihr liegen, in denen sie im Kreise ihrer vierhufigen Altersgenossen, von denen viele derzeit noch im warmen Fruchtwassersee selig vor sich hinschlummern, Zeit genug finden wird, um alle Geräusche des Gestüts hinlänglich kennenzulernen. Zeit genug auch, um die Gerüche des Frühlings, Sommers und Herbstes in sich aufzunehmen und Zeit genug, um ihre Ausdauer, Härte und Intelligenz unter Beweis zu stellen, und – vielleicht auch ihren liebenswürdigen Charme, der unter aller Aufgeregtheit jetzt schon aus ihren Augenwinkeln hervorblitzt.

Möge es ihr vergönnt sein, dass sie eines Tages, wenn die Zeit dafür gekommen ist, mit einem ebenso liebenswürdigen Pferdeliebhaber zusammentreffen wird, auf dass man nach vollendetem Kauf sagen kann, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, und zwei, die füreinander bestimmt gewesen seien, hätten sich gesucht und gefunden.

Höhlen, Burgen, Aussichtstürme, Felsen Museen und Wanderwege – die Schwäbische Alb hat unzählige weitere attraktive Ausflugziele für Jung und Alt „im Gepäck“. Wer sich für diese interessiert, findet alles Wissenswerte hierzu bei der Tourismusgemeinschaft Mythos Schwäbische Alb. Neu eröffnet wurde dieser Tage der Gestütsradweg, der die Vor- und Gestütshöfe mit Marbach verbindet. Dazu ist die Broschüre „Die schönsten Radtouren“ überarbeitet und neu aufgelegt worden. Insgesamt enthält sie 18 Tourenvorschläge ergänzt mit vielen Tipps zu Service, Unterkünften und vielem mehr. Die Broschüre, im handlichen DIN A 5 Format für die Lenkertasche, ist kostenlos erhältlich.

Quelle: Tourismusgemeinschaft Mythos Schwäbische Alb

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