Auf Streifzug in Neptuns Vorgarten

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Die Salzwiesen im Wattenmeer – wo Natur Natur sein darf

Nationalpark-Ranger Michael Beverungen (c) M. Stock / LKN.SH
Nationalpark-Ranger Michael Beverungen (c) M. Stock / LKN.SH

Michael Beverungen öffnet das Tor ins Nirgendwo. Der Wind kommt von der Nordsee und weht den Geruch des Meeres heran. Hinter dem Tor ist – scheinbar nichts. Tatsächlich aber eine wundersame Welt. Gräser leuchten gelb und grün. Und lila zur großen Blüte der Strandaster im Spätsommer – in dieser wilden Weite bis zum Horizont, in der der ewige Wind weht und das Gras kämmt. Willkommen in der Salzwiese, einer Zwischenwelt – nicht mehr Land, noch nicht Meer. Michael Beverungen, Ranger im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, nimmt die Leute mit hinein in „Neptuns Vorgarten“.

Der Deich ist hier an der Elbmündung bei Friedrichskoog (und auch anderswo an der Nordsee) nicht immer die scharfe Trennlinie zwischen Land und Meer. Das feste Land, das ist hier zu Ende, gewiss – aber das Meer? Noch längst nicht angefangen, nicht mal in Sicht. Der Übergang ist unscharf; eine Wiese mit Tieren und Pflanzen und irgendwie doch noch landgebunden, aber schon im direkten Einfluss des Meeres. Mancherorts kaum noch überflutet und anderswo so oft. Die Salzwiesen an der Nordsee sind etwas Besonderes, sie sind ein einzigartiger Lebensraum. Nur offenbart sich das nicht auf den ersten Blick.

Deshalb lohnt es sich, mit Nationalpark-Ranger Beverungen in diese seltsame Welt einzutreten – und genauer hinschauen. Und hören und riechen und sogar probieren. Denn hier ist manche Überraschung verborgen. In einer Welt, die eigentlich ein Widerspruch ist. Die oft untergeht und später in voller Blüte dasteht. Die nordseetypisch ist und wo man die Chance hat, Seeadler zu beobachten, die Gänse schlagen. Die eine der letzten wirklich wilden Gegenden Deutschlands ist. Und deshalb als Nationalpark geschützt ist; wo Natur Natur sein darf.

Zuerst führt ein fester Weg hinein. Die Sonne bricht durch die Wolken, das vertrocknete Gras vom Vorjahr leuchtet wie Messing, das frische strahlt in hellem Grün. Ein Rotschenkel piept aufgeregt. Michael Beverungen reicht das Fernglas herum. „Die Salzwiesen sind ein Vogelparadies“, sagt er, „vom Frühling bis in den Sommer brüten in der höher gelegenen Salzwiese viele verschiedene Vogelarten.“ Die seltene Lachseeschwalbe zum Beispiel zieht hier ihre Küken auf. In der Salzwiese und im vorgelagerten Watt finden die Vögel hervorragende Nahrungsgründe. „Auch die riesigen Schwärme an Zugvögeln können sich im Herbst und Frühjahr in den Salzwiesen sattfressen und sich auf ihrem langen Weg ausruhen.“ Die Salzwiese ist für mehr als 50 Vogelarten Lebensraum. Hier kann man zum Beispiel die Feldlerche sehen und ihr melodisches Tirilieren hören, wenn sie durch den Himmel tanzt.

Das Tor am Anfang der Tour markiert die Grenze zwischen beweideter und nicht beweideter Salzwiese. Es soll die Menschen auf den richtigen Weg in die Salzwiese bringen, der dazugehörige Zaun und der Graben sollen die Schafe fernhalten. In weiten Bereichen ist die Salzwiese aus Naturschutzgründen gesperrtes Gebiet. Der Weg führt auf einem Damm zur Wasserkante, „Zu Watt & Wasser“ steht auf dem Schild und es ist eine ausdrückliche Einladung, die Salzwiese an dieser Stelle bis zum Flutsaum zu begehen. „Aus Meeresboden wird Land; das hier ist gerade erst entstanden“, sagt Michael Beverungen. Neuland, aufgetaucht aus der Nordsee und gebaut auf Schlick. „Jede Flut spült feine Sedimentteilchen in den ufernahen Bereich. Kommt das Wasser während einer kurzen Phase zur Ruhe, setzen sich diese Schwebstoffe ab – nach und nach bildet sich so eine Schlickschicht.“

Die Schlickflächen wachsen ganz langsam auf. “Ist der Schlick hoch genug aufgelandet, können sich erste Pflanzen ansiedeln: an der Nordsee ist dies der Queller und das Schlickgras.“ Diese Pioniere stehen ständig im Wasser, sie gelten als die Pflanzen, die am besten Salz vertragen. Denn es sind nicht nur die ständigen Überflutungen (also das Wasser selbst), die das Leben auf der Salzwiese einschränken; es ist auch das Salz – nur wenige Pflanzen vertragen dies. „In der Salzwiese können nur Pflanzen existieren, die Mechanismen entwickelt haben, mit dem Salz zu leben; sei es beispielweise durch Verdünnung und Einlagerung oder durch Ausscheidung“, erklärt Michael Beverungen. An manchen Blättern haften winzige Salzkristalle, andere Pflanzen sind prall und aufgequollen.

Tiefe Gräben lauern neben dem Weg, die senkrechten Ränder sind tückisch mit Gräsern und Kraut überwachsen. Die Vegetation hat sich auch verändert. Die Salzwiese wird, nach Höhe über dem Meeresspiegel und damit nach Häufigkeit der Überflutung, in drei Zonen eingeteilt: In die untere Pionierzone, gelegen im und am Watt und ständigen Überflutungen ausgesetzt. Dann folgt die untere Salzwiese mit den Gräben und Prielen, dann gibt es die obere, sprich: höhergelegene, Salzwiese – sie wird nur noch selten überflutet und wirkt schon wie festes Land. Tatsächlich liegen Salzwiesen aber kaum über dem normalen Hochwasser und werden jährlich zwischen 10 und 700 Mal – und manchmal sogar noch öfter – überflutet. Die Salzwiesen an der Küste Schleswig-Holsteins gehören zusammen mit denen vor Niedersachsen sowie denen der Niederlande und Dänemarks zu den weltweit größten zusammenhängenden Salzwiesen in der gemäßigten Klimazone. Einer der guten Gründe, warum das Wattenmeer der Nordsee als UNESCO-Weltnaturerbe ausgezeichnet ist.

Irgendwo im Nirgendwo zwischen Watt und Deich sagt Michael Beverungen: „Im Spätsommer ist das hier ein einziger, lila Blütenteppich, wenn die Strandaster blüht. “ Auf Untergang folgt Blütenpracht. Merkwürdig genug – und es ist eine einsame, seltsam verloren wirkende Welt, in der der Mensch keinen Einfluss mehr hat. Die Unschärfe macht diesen grenzenlosen Raum fremd und faszinierend. Dieses Ursprüngliche gibt es in Deutschland kaum mehr, es erscheint im Großen wie Kleinen und im wahren Wortsinn unfassbar.

Und ist überraschend: „Wir suchen uns jetzt mal etwas Leckeres“, sagt der Nationalpark-Ranger. „Hier ist Strandwegerich; probiert mal!“ Leicht salzig und nach Spinat schmeckt es. Tatsächlich haben die Küstenbewohner diese Pflanze früher als Gemüse gegessen. Beverungen hat noch etwas gepflückt – Strand-Dreizack. Den allerdings mögen die Wenigsten; ein Hauch Knoblauch, ein Hauch Schwimmbadwasser, ein bisschen nach Seife. Nein, ein Favorit ist das sicher nicht. Weiter oben roch die ganze Gegend nach Wermut. Und vorn an der Wasserkante wird Michael Beverungen noch fleischige Stängel pflücken, die aussehen wie kleiner, grüner Spargel. „Das ist der Queller, eine der leckersten Pflanzen in der Salzwiese.“

Die Salzwiese wächst selten höher als kniehoch, die meisten Pflanzen mit ihren Blättern wirken seltsam gedrungen, „…sie schützen sich durch ihre geringe Oberfläche gegen Austrocknung.“ Nach Überflutung und Salzwasser kommt noch die starke, ungeschützte Sonneneinstrahlung als Ungunst dazu. Umso überraschender sind die filigranen, feinen Blüten von Strandflieder, Standaster und Löffelkraut – zarte Schönheit in der „Todeszone“. Mit jedem Schritt und jedem Stopp wurde und wird das Besondere dieses Lebensraumes deutlicher, Michael Beverungen hat die Zeit und die Leidenschaft, den Leuten das zu zeigen. Mehr als 1500 Arten Kleinst- und Krabbelgetier leben hier – zum Beispiel Ameisen unter einem Brett, die offenbar nicht ertrinken. Rund 250 Arten können nur in der Salzwiese leben – wie der Halligfliederspitzmausrüsselkäfer, für den sich vielleicht nur Fachleute interessieren, aber über dessen Namen sich alle freuen.

Die kleine Gruppe wandert jetzt in einer amphibischen Landschaft. Aus Pfützen werden nun Tümpel, mehr und mehr bestimmt Wasser das Bild, je weiter es nach Westen geht. Das Vorland lebt im Rhythmus von Ebbe und Flut, dunkles Wasser steht in den Prielen, die Schritte matschen, in flottem Sprung geht es über einen Graben. Längst dringt hier das Meer in seinem ewigen Rhythmus ein. Salzwiesen sind die Mangroven des Nordens. Mit einzigartigen Pflanzen, die oft nur in dieser Zone aus ständiger Überflutung und Salzwasser gedeihen können.

Anderthalb Kilometer hinter dem Deich ist diese Welt endgültig zu Ende, die so fremd ist und so faszinierend. Die Füße sinken immer tiefer in den Matsch ein, die Sprünge von Graspolster zu Graspolster wurden häufiger und länger, längst bestimmt viel mehr Wasser als Land das Bild. Wolken spiegeln sich in den Tümpeln, der ewige Wind bewegt die Oberfläche und zerreißt die Bilder. Ferne Vogelschreie wehen vorüber. Silbermöwe und Sturmmöwe jagen unter dem hohen Himmel. Lärmend die Gänse, laut und gesellig der Austernfischer hier draußen. Und leise, ganz, ganz leise läuft das Wasser wieder in die Salzwiese. Irgendwo da draußen; wo nicht mehr Land ist, aber noch nicht Meer. In dieser seltsam schönen Zwischenwelt. Später macht Michael Beverungen das Tor wieder zu. Dann sind sie wieder unter sich; der Halligfliederspitzmausrüsselkäfer und die Feldlerche.

Weitere Informationen

Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer hat dem außergewöhnlichen Lebensraum Salzwiese 2017 besondere Aufmerksamkeit geschenkt und sie zum Mittelpunkt eines Themenjahres gemacht. Zahlreiche Veranstaltungen, Workshops und Aktionen widmen sich dem Thema. Eine Übersicht mit Veranstaltungstipps rund um die Salzwiese ist hier zu finden: http://www.nationalpark-wattenmeer.de/sh/misc/veranstaltungen-im-themenjahr-salzwiese/4086

Der NABU hat passend zum Themenjahr Salzwiese eine Broschüre herausgegeben, in der die Besonderheiten der Salzwiese und die wichtigsten hier beheimateten Pflanzen vorgestellt werden. Die Broschüre dient als Bestimmungshilfe und kann bei Salzwiesen-Führungen oder selbstständigen Erkundungen zum Einsatz kommen. Erhältlich ist die Broschüre zum Preis von 2,50€ in verschiedenen Naturschutzstationen im Nationalpark Wattenmeer oder über info@NABU-SH.de.

Weitere Informationen:

www.echt-dithmarschen.de

Quelle: Nordsee Tourismus


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